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Eine Fahrt ins Ungewisse und so viele Fragen

„DIE FLÜCHTLINGE“ bekommen ein Gesicht, jeder einzelne

Geschrieben von Anne-Katrin Maushake über ihre Zeit als Helferin an der serbischen Grenze

Serbien, Januar 2017

Wir, wir sind seit ca. zwei Wochen wieder in Deutschland. Zuvor verbrachten wir zwei Wochen im serbischen Subotica – in der Nähe der ungarischen Grenze. Über die wunderbaren Menschen von „Flüchtlingen helfen e.V.“ haben wir die ebenfalls wunderbaren Menschen von „fresh response“ kennengelernt und uns ihnen angeschlossen. Fresh response ist seit Sommer 2016 vor Ort in Serbien und versorgt die geflüchteten Menschen mit Lebensmitteln wie frischem Obst und Gemüse, Wasser und (aktuell warmer) Kleidung. Ohne Eure Unterstützung säßen die geflüchteten Menschen ohne Decken, ohne Jacken und ohne Wasser und Lebensmittel in der sowieso schon eisigen, daher lebensbedrohlichen und ausweglosen Situation fest. Ohne die Freiwilligen vor Ort und getragen von den Spenden von solch wunderbaren Menschen wie Euch, würde es all dies nicht geben. Es ist schön zu wissen, dass es Euch da draußen gibt.

Viele Kommentare von zuvor geschriebenen Posts widmeten sich dem Thema uns Sachspenden mitgeben zu wollen. Auch wir dachten noch im Herbst: packen wir den Transporter voll und los geht’s! Nur leider geht es so einfach nicht mehr los. Der Versuch zweier französischer Transporter vor ca. zwei Wochen, Tonnen an Sachspenden (trotz Genehmigungen, Zertifikate,…) über die Grenze zu bekommen, endete in einem Zwangsaufenthalt zwischen serbischem und ungarischem Grenzzaun, um danach unverrichteter Dinge wieder  fahren zu müssen.

„Wir hätten die Kleidung so dringend gebraucht: Denn es war kalt!“ (Wie halten die Geflüchteten, die meisten aus Afghanistan und Pakistan, diese Kälte bloß aus?? …nur ein quälender Gedanke von vielen…)

Wir, das sind übrigens Rauno, Nina und Anne verließen Deutschland am 23.01.2017 um nach Subotica aufzubrechen. Eine Fahrt ins Ungewisse und so viele Fragen. Vieles hatten wir gelesen und gehört… vieles haben wir gelesen und gehört von dem wir hofften, dass übertrieben wurde, dass es doch nicht ’so‘ ist, wie von so vielen berichtet…wir befinden uns doch schließlich vor den Toren Europas… nehmen wir die Pointe dieser Erzählung vorweg: nichts war übertrieben, genau ’so‘ ist es..

„Unseren ersten Tag begannen wir damit, die Lebensmitteltüten mit frischem Obst und Gemüse zu packen. Diese werden dann mittags an einem geheimen Ort an die geflüchteten Männer verteilt. Zum Zeitpunkt unseres Aufenthaltes waren das ca. 200. Die Männer stellen sich in einer Schlange vor dem Lieferwagen auf und jeder erhält eine Tüte mit Lebensmitteln, sowie eine Flasche Wasser. Manche sind so hungrig, dass sie sofort die Tüten öffnen und damit beginnen, die Lebensmittel zu verspeisen. Da es eine Weile dauert, bis alle Männer versorgt sind, hat man Zeit, sich noch ein wenig mit ihnen zu unterhalten. Manche sind trotz aller Umstände gut drauf, scherzen herum; freuen sich, Kontakte zu schließen, denn dies ist oft die einzige Ablenkung, die ihnen in ihrem tristen Alltag bleibt. Sie können jemandem von ihren Sorgen, ihren Ängsten, ihren Erlebnissen, ihren Wünschen, Hoffnungen und Träumen erzählen. Manchen geht es aber auch merklich schlecht. Sie berichten, dass sie krank sind, dass sie einen Arzt brauchen, dass sie an der ungarischen Grenze gefoltert wurden… gefoltert?? Ja. Gefoltert. Denn werden die Männer bei dem Versuch über die Grenze zu fliehen erwischt, jagen die ungarischen Grenzpolizisten deren Hunde auf sie. Sie zerreißen/zerbeißen die Kleidung, manchmal trifft es auch die Haut darunter. Sie werden verprügelt, getreten, bedroht.“

Einige berichten, dass sie sich mehrere Stunden nackt in den Schnee setzen mussten. Wird die Kleidung nicht zerstört/ unbrauchbar gemacht, so wird diese in kaltes Wasser getaucht, in die Schuhe wird Wasser gekippt, Handys werden zerstört.

Hierbei scheint es keine Rolle zu spielen, ob es sich bei den Geflüchteten um Kinder handelt oder nicht. Ein 13jähriger Junge erzählt, wie die Polizei an der Grenze sein Handy zerstört hat, wie die Hunde seine Jacke zerbissen haben. Wir sehen die Jacke. Der Stoff hängt in Fetzen herunter. Er braucht eine neue. „Aber bitte eine schwarze Jacke, ja?“ „Schwarz?“ „Ja, schwarz. Mein Bruder und ich werden es in den kommenden Tagen wieder probieren.“ (Anmerk.: der Bruder ist 15 Jahre alt.)

Auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet er mit einem höflichen Lächeln, dass mittlerweile nur noch sein Gesicht schmerzt. Die Grenzpolizei hatte ihn verprügelt, ihm ins Gesicht geschlagen. Ob er nicht mit den Polizisten gesprochen hat, dann müssten sie doch gehört haben, dass er noch ein Kind ist?! Er lächelt und sagt, dass dies niemanden interessiere. Als er unser trauriges und wütendes Gesicht sieht, fragt er aufmunternd und mit einem kindlichen Kichern, ob wir nicht heute Nachmittag zu seinem Schlafplatz kommen wollen. Er wolle sich mit einem Tee für die „neue“ Jacke bedanken…

Nicht nur dieser Junge möchte seine Dankbarkeit mit einer Einladung Ausdruck verleihen, viele der Geflüchteten kommen täglich auf uns zu, um uns als Dank für das Essen und die Kleidung zum Essen und/oder Tee einzuladen. Sie sind es nicht gewohnt, von anderen zu nehmen.

An einem Abend sind wir bei zwei Männern eingeladen, die sich ein Zelt teilen. Kennengelernt haben sie sich vor Ort und entschieden, ab sofort zu Zweit zu sein. Der jüngere von beiden, ein leidenschaftlicher Hobbykoch, der ältere ein gutmütiger, freundlicher, stets lächelnder Genießer der Kochkünste seines Freundes. Wir treffen M.an einem geheimen Treffpunkt in der Dunkelheit. Niemand soll wissen, wo sie ihr Zelt aufgeschlagen haben. M. hat den ganzen Tag für seinen Besuch gekocht. Aus den wenigen Lebensmitteln hat er zwei Vorspeisen, drei Hauptgerichte und ein Dessert GEZAUBERT. Extra für uns haben die Beiden Trinkwasser besorgt. Ihr eigenes Wasser ist durch die Kälte gefroren-das wollen sie uns nicht anbieten. Die Atmosphäre im Zelt ist unbeschreiblich. Die Männer sind bemüht, es uns so schön und angenehm wie möglich zu machen. Vieles geschieht ohne Worte. Es wird viel gelacht. Die Männer erzählen von ihren Träumen, ihren Hoffnungen. Zwei Männer. Der eine als Sohn und Bruder nach Subotica gekommen, der andere als Vater und Ehemann.

Sie wollen sich von uns verabschieden sagen sie. Morgen wollen sie versuchen, über die Grenze zu kommen. Beide haben es zuvor schon mehrmals probiert. Die Ungewissheit, ob sie es schaffen werden, auch nur in etwa zu ahnen, was ihnen passieren könnte, wenn sie erwischt werden, schnürt die Kehle zu.

Wir verlassen das Zelt. Gehen den Pfad durch das Gestrüpp zurück. Verabschieden uns: „Inschallah. Take care. Be safe. We’ll see us in Germany, okay my friend?“

Zwei Tage später erhalten wir die Nachricht, dass sie wieder zurück sind. Sie brauchen Lebensmittel.
Wir treffen sie spät abends auf einem Parkplatz, um ihnen Essen und Wasser zu bringen. Sie sehen erschöpft aus. Lächeln unsicher. Versuchen stark zu sein. Aber die erneute Enttäuschung steht beiden ins Gesicht geschrieben. Trotzdem strahlen beide eine Güte und Dankbarkeit aus, dass wir da sind. Schnell wird klar, dass sie nicht nur Lebensmittel brauchen. Ihre Kleidung ist kaputt. Sie wurden verprügelt, die Hunde haben ihre Kleidung zerbissen.
Wir verabreden uns erneut mit ihnen. Es ist sehr spät. Wir treffen sie an einem geheimen Ort. Nach 20 Minuten Fußmarsch erreichen wir sie.
Jeden Tag werden die Schlafplätze der Geflüchteten aufgesucht, um zu hören, was sie brauchen. Schuhe, Jacken, Schals, Mützen. Möglichst genug, um auch nur einigermaßen gegen die Kälte geschützt zu sein.

Während unseres Aufenthaltes erlebten wir sowohl Kälte als auch in den letzten vier Tagen etwas mildere Temperaturen, die allerdings mit Regen einhergehen. Hört sich erst einmal nicht schlecht an. Nur leider kam mit dem Regen auch der Schlamm. Einige konnten nicht kochen, da sie kein Feuer machen konnten. Auch die Männer, die in diesen Tagen von der Grenze zurückkamen berichteten, dass der Regen ein großes Problem sei, da nahezu alle Männer keine wasserfesten Schuhe haben. Das Ergebnis sind offene, wunde Füße, da sich die Schuhe mit Wasser vollsaugen, die Füße weichen auf und dann der meist stundenlange Fußmarsch.

Zugegebenermaßen fällt es uns schwer, das Erlebte in Worte zu fassen, die Begegnungen, die Emotionen zu beschreiben. Sowohl in positiver wie negativer Hinsicht.

Da sind die geflüchteten Menschen, die alles auf sich genommen haben, um … ja warum? Die Gründe sind unterschiedlich, vielschichtig aber sie sind da, sonst gäbe es die Menschen dort an der Grenze nicht. Es obliegt nicht uns, diese Gründe zu bewerten; Fluchtursachen zu erforschen. Sie sind da und sie sind auf uns alle hier angewiesen. Das dies so ist, damit tun sich die Männer schwer aber sie haben in ihrer Situation keine andere Möglichkeit. Die Fürsorglichkeit, die Gastfreundlichkeit, die Herzlichkeit, die Dankbarkeit, die uns diese Menschen entgegenbringen, ist unbeschreiblich. Sie haben so viel Leid erfahren müssen, sitzen nun in dieser serbischen Situation der Trost- und Hoffnungslosigkeit fest und bringen uns und sich gegenseitig  trotz allem noch so eine unglaubliche innere Wärme entgegen.

„DIE FLÜCHTLINGE“ bekommen ein Gesicht. JEDER einzelne. JEDER einzelne ist wichtig und hat seine ganz eigene Geschichte und Vergangenheit. Da sind Großväter, Väter, Söhne, Brüder, Cousins, einige von ihnen noch nicht einmal volljährig. Und dank Eurer Unterstützung und Hilfe  werden sie NICHT VERGESSEN. Wir würden uns wünschen, dass jede/ jeder von Euch persönlich die Erfahrung machen könnte, wie dankbar diese Menschen Euch sind. Denn – wir wiederholen uns an dieser Stelle gerne – das sind sie.

Also lasst uns weiterhin da sein für diese Menschen, auf welche Art und Weise auch immer. Zu wissen, dass es sie gibt, dass sie da sind, darüber zu berichten, sie nicht zu vergessen, nur weil die Medien leise geworden sind, das ist das, was wir tun sollten.

Alle Fotos: Anne-Katrin Maushake

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