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Ein Bericht aus Subotica in Serbien

Es gibt kein Vor, es gibt kein Zurück

Leben an der Grenze zur Freiheit

Ein persönlicher Bericht von Sara Müller über die katastrophalen Zustände der Lager in und um Subotica (Serbien)

Eigentlich ist die Freiheit ganz nah. Keine fünf Meter sind es bis zur anderen Seite, die eine Chance auf ein besseres Leben verspricht. Ein Leben im Westen, in Frieden, ohne Terror, ohne Verfolgung, Misshandlung, Zerstörung und Elend. Die Grenzbefestigungen aber überwindet man nicht ohne weiteres. Stacheldraht, ständige Patrouillen und Wachhunde sichern die Linie, die Serbien von Ungarn und die Europäische Union vom Rest des Kontinents trennt.

Viele versuchen es trotzdem, immer wieder. Vom Stacheldraht zeugen vernarbte Hände, Bisswunden von den Wachhunden, aufgeplatzte Lippen und Prellungen von den Schlagstöcken der Polizei. Wen die Grenzer erwischen, der landet in den kleinen Einzelzellen, die man pragmatischer Weise gleich am Grenzzaun selber aufgestellt hat. 20 Tage Einzelhaft sind Minimum, wer sich nicht mit einer kleinen „Spende“ bei seinen Bewachern freikaufen kann, sitzt länger bevor es zurück ins Flüchtlingslager auf der „falschen“, der serbischen Seite geht.

Es ist Herbst in Serbien, der Winter wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Spätestens dann wird es Tote geben, sagt Sara Müller. Sie war da, in Subotica an der Serbisch-Ungarischen Grenze, hat vor den Camps eine Woche lang Essen und Kleidung verteilt. Sie habe sehen wollen was „wir“ – was Deutschland, der Westen, die EU – da tun, was zugelassen wird in unserem Namen, sagt sie.

Die Sozialarbeiterin aus Nordhausen hat sich seit dem vergangenen Jahr zunehmend in der Flüchtlingshilfe im Südharz engagiert. Sie war dabei als im August 2015 der erste Bus ankam und hat mit angepackt, Essenspakete geschnürt, organisiert. Im Grunde war man völlig unvorbereitet auf das, was da geschah, meint sie. Ein Jahr später sieht das anders aus, Müller ist in leitender Position im Horizont Verein ganz nah dran in der Flüchtlingshilfe im Landkreis, kennt die handelnden Personen, die Projekte, die Strukturen, die sie zum Teil mit aufgebaut hat. Pakete schnüren gehört nicht mehr zu ihrem Alltag, dafür Kongresse und Symposien in Erfurt und Berlin. Dabei wurden die Fluchtgeschichten immer wieder thematisiert, oft als notwendiges Übel herunter gespielt. Sie wollte die Realität sehen, also ist sie hingefahren. Nach Subotica in Serbien. Ihre Erlebnisse hat sie am Ende eines jeden Tages festgehalten

„Es kommt mir vor wie die Hölle, auf diesem trostlosen Stück Erde. Die Bevölkerung hier ist sehr arm. Überall in dieser hunderttausend-Einwohner-Stadt sind die Anzeichen sichtbar: Ältere Menschen, die in abgerissener Kleidung durch die Straßen humpeln, überall werden Müllcontainer nach brauchbarem durchwühlt. Immer wieder trifft man auf Menschen, die morgens den Alkohol konsumieren, die Kneipen öffnen früh. Das ist das Leben hier. In Subotica. Dann gibt es das Leben in den Camps, es ist nicht vergleichbar. Es ist schlimmer…“

Eine Tagesration im offiziellen „Refugee Assistance Point“ in Subotica sieht wie folgt aus: am Morgen einen halben Liter Wasser,  1 kleine Dose Fisch, etwas Brot oder eine Packung Kekse, vielleicht auch einmal Kaffee oder Tee. Mittags: Fertignudeln zum Aufkochen. Abends: ein halber Liter Wasser, 1 Dose Fisch, Brot oder Kekse. Jeden Tag. Verteilt wird das Essen vom serbischen Roten Kreuz, die Flüchtlinge haben ein Dach über dem Kopf, es gibt Duschen, aber kein warmes Wasser. Ausgelegt ist das Lager für 150 Personen, tatsächlich leben hier rund 400 Menschen. Als Müller Mitte Oktober in Subotica ankommt, gruppieren sich dünne, regendurchlässige Zelte um die festen Behausungen.

„Bereitwillig werden mir bei der Essensausgabe außerhalb des offiziellen Camps Geschichten erzählt. Ein Mann steht vor mir, sein Sohn trinkt juchzend den Joghurt, der ausgeteilt wird. Sein Englisch ist gut. Er berichtet, dass er seit zwei Monaten mit seinem Sohn in dem Camp lebt. Ich traue mich nicht nach seiner Frau oder weiteren Kindern zu fragen. Es sind 14 Grad und während der Mann von seinen Zukunftsplänen berichtet, steht dieses strahlende Kind in abgetretenen Sandalen und kurzem T-Shirt vor mir. Ich frage ihn, ob sein Sohn nicht friert. Er sagt mir, dass sie alle beginnen zu frieren. Der Winter kommt. Zwei kleine Kinder kommen auf mich zu. Sie sind ebenfalls viel zu dünn bekleidet. Die beiden Kinder spielen im Dreck, ich hocke mich neben sie, versuche, aus dem Müll der überall herum liegt, ein Spiel zu basteln. Sie sind begeistert, lächeln mich an und spielen so, wie es kleine Kinder tun: Selbst in dem kleinsten Stein steckt eine wunderbare, phantastische Geschichte. Während wir spielen, fällt mein Blick auf die Beine, die Gesichter der Kinder. Sie sind vernarbt, stellenweise sehr entzündet. Ich spreche die Mutter an, sie sollte es einem Arzt zeigen. Sie lächelt, aus ihren Augen spricht die Trauer. Ja, sie wird es dem Arzt zeigen, helfen wird es nicht…“

Und Camp ist nicht gleich Camp. Neben dem offiziellen Lager sind bei Subotica noch zwei kleinere, wilde Lager gewachsen. In „Kelebija“ und „Horgos“ leben jeweils rund 80 Menschen, Familien mit kleinen Kindern, einige davon im Camp geboren, in direkter Nähe zum Grenzzaun. In Kelebija gibt es ein altes, überdachtes Gebäude, da dürfen die Flüchtlinge aber nicht rein, auch nicht zum Schlafen oder wenn es regnet. Rund um die Lager finden sich provisorische Kochstellen, innerhalb der Camps ist das untersagt. Ebenso ist es strengstens verboten die Lager zu betreten, sowohl Grenzpolizei als auch die serbischen Polizisten patrouillieren über das Gelände.

Duschen und waschen kann man nur mit gesammelten Regenwasser, geschlafen wird zu fünft oder zu sechst in zu kleinen, dünnen Zelten, die man zum Schutz gegen die Kälte mit Decken behangen hat. Neben dem inoffiziellen Lager wurde ein „Cultural Place“ eingerichtet – bestehend aus einem Wohnwagen bei dem es WLAN und Steckdosen gibt, einem größeren Zelt und einem Holzgebäude ohne Dach, in dem Vormittags die Kinder des Lagers ein wenig Unterricht bekommen.

„Hier sind vorrangig Irakische und Syrische Familien. Mit Babys. In Zelten, bei fallender Außentemperatur. Wir verteilen das Essen außerhalb des Camps, ein Iraker nimmt mich mit, wir zwingen uns zwischen Zäunen hindurch und landen in einem kleinen Bereich mit provisorischen Toiletten, Duschen, Kochstädten, Wohnzimmern im Freien. Dazwischen springen kleine Kinde umher, keine 2 Jahre alt. Mütter tragen Säuglinge in den Armen. Sie lächeln, wenn ich sie begrüße. Ich darf mich weder in dem Camp aufhalten, noch fotografieren, heimlich mache ich Bilder. Als ich auf dem Weg hinaus aus dem Camp mit einem jungen Iraker und seiner Frau spreche, patrouilliert die Grenzpolizei durch das Lager.  Ich wünsche dem jungen Mann und seiner Familie viel Glück, sage ihm, dass wir uns in Deutschland wiedersehen. Er lächelt traurig…“

Die serbische Polizei und die ungarischen Grenztruppen patrouillieren regelmäßig durch die Lager. Unter Beobachtung stehen auch die Helfer. Sara Müller hat sich einer kleinen Gruppe von ehrenamtlichen Freiwilligen angeschlossen, die unter anderem mit Unterstützung eines Vereins aus München (Flüchtlingen Helfen e.V.) ein Hilfsprojekt (Fresh Response) auf die Beine gestellt haben. Erwünscht sind sie nicht, eher geduldet. Im Camp selber dürfen sie nicht tätig werden. Stattdessen trifft man sich vormittags mit Leuten, die Kontakte zu den Menschen im Camp haben und versucht heraus zu finden, wie viele heute kommen werden. Es wird eine ungefähre Größe an Rationen gepackt, wenn es regnet versucht man Jacken zu verteilen. Sie reichen nicht für alle. Die Alternative sind Müllbeutel. Vieles funktioniert nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Die Hilfe von außerhalb wird an manchen Stellen akzeptiert, weil die Geflüchteten aus der Not heraus sonst auf den umliegenden Feldern nach Nahrung suchen, erzählt Müller, das erzeugt Probleme mit den einheimischen Bauern. Eine „Willkommenskultur“ wie man sie hierzulande versteht, ist in der von Arbeitslosigkeit und Armut geprägten Region unbekannt. Unterstützung vom Staat gibt es für die Geflüchteten in Serbien nicht. An anderen Stellen sei Hilfe überhaupt nicht erwünscht, erzählt die Sozialarbeiterin, das Lager „Horgos“ wird sie nur einmal aus der Ferne sehen. „Die Sicherheitskräfte vor Ort haben deutlich gemacht, dass unsere Hilfe nicht erwünscht ist und dass bei Zuwiderhandlung für die Helfer Gefängnis droht“, sagt Müller. Bei den anderen Lagern werden die Helfer geduldet, die Menschen aber, deren Los sie ein wenig lindern wollen, die seien nicht gewollt, so der Eindruck der Nordhäuserin. Alles sei darauf ausgelegt, dass die Menschen schnellstmöglich wieder gehen, aber sie könnten nirgends hin, meint Müller,  „es gibt kein Vor und es gibt kein Zurück“. Die Geschichten und die Fragen ähneln sich. „No water, no clothes, no heater, police hurt us“ – kein Wasser, keine vernünftige Kleidung, keine Heizung, die Polizei misshandelt uns. Warum hat Deutschland die Grenzen zu gemacht? Warum will man uns nicht mehr? Sind wir schlechtere Menschen?

„Seit vergangener Nacht regnet es. Die Temperatur ist auf 10 Grad Celsius gefallen, die Kälte kriecht in die Knochen. Mit der Temperatur scheint auch die Hoffnung zu fallen. Immer mehr Menschen bleiben nach der Essensausgabe stehen, erzählen, dass sie vor den Zelten auf den Boden schlafen. Wir fahren in das inoffizielle Lager, nach Kelebija Hier steht das Wasser auf dem Platz, es geht ein kalter Wind. Die meisten Kinder tragen billige Plastiksandalen. Es herrscht Tristesse, doch dann kommen die Kinder auf mich zu, wollen spielen. Wir tanzen im Regen, ein 7-jähriges Mädchen unterhält sich mit mir auf Englisch. Wir spielen, sie singt mir Lieder auf Arabisch vor. Ich tanze ihre Schritte nach, mache es nicht richtig und gemeinsam lachen wir über meine Koordinationsschwäche. Sie nimmt mich daraufhin ganz fest in den Arm. Ich schaue auf ihre Füße, sie trägt nasse Socken in Sandalen. Ihre Hände sind viel zu kalt…“

Nach ein paar Tagen spürt man deutlich die Erschöpfung, nicht nur physisch sondern vor allem emotional. Ein Mitarbeiter aus dem Team macht es deutlich: „Es ist als würde man einen Stein in den Ozean schmeißen. Man fühlt sich ohnmächtig ob des ganzen Elends.“

Eines Morgens sind von den 400 Menschen im Lager nur noch knapp 80 da.

„Die vielen Menschen in dem Camp bereiten unserem Koordinator Sorgen. Die Obst- und Gemüselieferung kommt, es ist zu einem deutlich höheren Preis weniger Ware als sonst. Bei dem dauerhaften schweren Regen kann niemand heimlich im Wald kochen. Außerdem ist es das erste Mal, dass so viele Menschen auf einmal versorgt werden müssen. Die Anzahl der Geflüchteten steigt. Im Vorfeld meiner Reise habe ich mit vielen Menschen gesprochen, versucht für das Thema zu sensibilisieren. Die Thüringer Bundestagsabgeordneten der LINKEN  und ein paar Freunde gaben mir Geld mit auf die Reise. Dies ist nun Gold wert: Wir beschließen von diesem Geld Börek und Joghurt zu kaufen, ein paar Äpfel und Bananen soll es dazu geben. Damit haben die Menschen in den Camps trotz des strömenden Regens und der Kälte eine warme Mahlzeit. Auf dem Weg zum „Refugee Assistance Point“ in Subotica erreicht uns die Nachricht, dass vergangene Nacht mehrere Busse einen Großteil der Menschen in ein anderes Lager brachten. Ihnen wurde erzählt, dass sie über die Grenze kommen, also stiegen die zumeist aus Afghanistan kommenden Alleinreisenden Männer bereitwillig ein. Sie wurden in den Süden Serbiens gebracht, in ein Camp nahe der mazedonischen Grenze. Weit weg von der Europäischen Union. Weit weg von einer Hoffnung, ein Leben ohne Terror, Angst und Krieg zu führen. Wir kommen an dem Platz der Essensausgabe an, hier bildeten sich die letzten Tage Reihen von mindestens 200 Mann, halbwegs geordnet standen die Geflüchteten bereits bei der Ankunft hier. Nun ist der Platz leer, schlammig trist und grau. Vereinzelt kommen Menschen. Sie erzählen, dass von den 400 Personen noch ca.70 übrig sind. Wir freuen uns über jedes bekannte Gesicht. Über und mit jedem, der bleiben durfte. Die Kälte macht das Szenario noch schlimmer. Wir stehen in dem Kleinbus, machen Musik an, tanzen und jubeln Jeden zu, der den Weg zu uns findet. Es ist mehr als eine Tragödie, es ist pure Verzweiflung und auf den Seiten der Helfer die Ohnmacht, nicht mehr tun zu können…“

Das Ziel des Transports ist ein Lager in Presovo. Platz gibt es hier für 1.500 Menschen. Die Bilder die Müller über das Internet zugespielt werden, sehen fast so aus, als könnten sie von einem Werbeplakat stammen. Frisches Weiß an den Gebäuden, ordentlich aufgereihte Stahlbetten in großen Schlafsälen – im Vergleich zum Zeltlager am Grenzzaun geradezu paradiesische Verhältnisse. Nur: Presovo ist eine Endstation, ein schickes Gefängnis. Wer einmal drin ist, kommt nicht mehr heraus, Dritte haben keinen Zutritt. In den Tagen nach der Deportation schlafen viele Menschen nicht mehr innerhalb des Camps. Sie verstecken sich nachts lieber hinter Hecken und Büschen, aus Angst vor weiteren nächtlichen Transporten. Schlafsäcke und Decken haben sie nicht. Nachts fällt die Temperatur auf 3 Grad.

Es ist schlimm hier, aber viele Menschen sagen, es sei besser als der Krieg. Manche berichten, dass sie das Gefühl haben, das erste Mal frei zu sein. Auch wenn am Zaun die bewaffnete Grenzpolizei steht.

Sara Müller konnte nach Hause zurückkehren, zurück in das gelobte Land, in dem es fließend warmes Wasser, frisches Essen, ein Dach über dem Kopf und die Chance auf ein Leben gibt, das besser ist als das, was die Menschen aus den Krisenherden des Nahen Ostens hinter sich gelassen haben. Die Entscheidung zur Flucht entsteht aus großem Leidensdruck, egal ob die Menschen aus Afghanistan, Syrien oder Somalia kommen. Doch ihre Hoffnung weicht mehr und mehr der Verzweiflung, je kälter es wird.

Für die junge Frau aus Nordhausen war es nur ein Aufenthalt von einer Woche, die Menschen in Subotica harren seit Monaten aus. Und sie sind nicht allein. Dass in Deutschland weniger Flüchtlinge ankommen, heißt nicht dass weniger Menschen vor dem Krieg fliehen würden. Die Last der Kriegsfolgen tragen, zum wiederholten Male, die Staaten an den Außengrenzen der Europäischen Union. Länder die wirtschaftlich und sozial weitaus schlechter dastehen, als die großen Nationen der EU. 

„Was da passiert ist nicht einfach inhuman. Es ist grausam. Und Deutschland lässt es sehenden Auges geschehen, weil es kein Thema ist, mit dem man politisch punkten könnte. Ein Jahr vor der Bundestagswahl spricht man in der Regierung nicht über Geflüchtete, nicht über sichere Fluchtrouten, die so viele Menschen vor Elend und Tod bewahren könnten. Das Thema der Bundeskanzlerin ist „integriertes Rückkehrmanagement“, also Abschiebung! Ich kann in Deutschland nur immer wieder auf das Elend der Menschen in den serbischen Lagern hinweisen. Ich werde weiterhin versuchen, denen die nicht gehört werden können, weil sie hinter meterdicken Grenzmauern mit Stacheldraht sitzen, eine Stimme zu geben…“


Alle Fotos: Sara Müller
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